Köln - Domkapitel

3. Dezember 2018 Beatrice Tomasetti
Jeder Domkapitular trägt eine Kapitelskette mit Stern.

Das Kölner Domkapitel hat ein neues residierendes Mitglied: Markus Bosbach. Von nun an trägt der stellvertretende Generalvikar Mitsorge für die Liturgie und das Chorgebet im Dom. Seine wichtigste Aufgabe aber könnte eines Tages sein, den Bischof zu wählen.

Mozetta, Birett und die Kapitelskette mit Stern liegen auf dem Altar bereit. Gleich wird Dompropst Gerd Bachner den neuen Domkapitular Msgr. Markus Bosbach, der den nach dem Tod von Weihbischof Melzer freigewordenen Platz im Kölner Domkapitel einnehmen wird, mit dem dafür vorgesehenen Ritus in sein neues Amt einführen. Dazu verliest er zunächst die Ernennungsurkunde des Kölner Erzbischof, die bestätigt, dass vor Bosbachs Ernennung das gesamte Kapitel angehört wurde – eine in Köln geltende Vorschrift. Dann legt Bosbach die „Professio fidei“ ab: das Glaubensbekenntnis – mit dem Zusatz, besondere Verantwortung für die Verkündigung des Wortes Gottes zu übernehmen.

Schließlich nimmt der Dompropst dem Kandidaten das Versprechen ab, seine „Aufgaben und Pflichten als Domkapitular gemäß den Bestimmungen des allgemeinen und des Diözesanrechtes sowie gemäß der geltenden Ordnung des Kölner Metropolitankapitels treu und gewissenhaft zu erfüllen. „Stets möge es Deine Sorge sein, dass hier im Dom die Frohbotschaft Jesu Christi unverkürzt und unverfälscht verkündet und die heilige Eucharistie würdig gefeiert wird“, setzt er noch hinzu. Es ist ein feierlicher Moment, als der Propst Domkapitular Bosbach als Zeichen der Amtsübergabe die Mozetta und die Kapitelskette anlegt, das Birett überreicht und dann dem Mitbruder – als letzte offizielle Amtshandlung – seinen Platz im Chorgestühl zuweist.

 

Mit seiner ersten Predigt als Domkapitular holt Bosbach seine Zuhörer dann zunächst in ihrem aktuellen Lebensgefühl ab, das das adventliche Treiben in den Innenstädten mit überfüllten Weihnachtsmärkten nicht unbedingt mit der echten Erwartung eines Christen im Advent übereinbringt – zu wenig zeitgemäß, eher von vorgestern und unverständlich zudem scheint das, was da die Kirche als Gegengewicht zu dieser heimelnden Konsumwelt anzubieten hat. Dabei sei gerade, was in der Bibel stehe und was die Kirche verkünde, von geradezu umstürzender Fortschrittlichkeit, hält Bosbach dagegen. „Denn durch die ganze Schrift zieht sich von Abraham an ein Glutstrom der Erwartung und der Hoffnung; der Erwartung, dass Gott selbst all das Zweideutige in der Welt und dem Leben eindeutig machen wird. Und ein Glutstrom der Hoffnung, dass er mein Leben, das oft so verwickelt und verwirrend ist, auf eine Bahn bringt, die nicht im Abgrund und schon gar nicht im Nichts endet.“ Gott werde Zukunft schenken. Ja, Christen dürften etwas erwarten, ruft Bosbach seinen Zuhörern ermutigend entgegen.

Wenn es ums Ganze gehe, also darum, was wirklich trage, wenn nichts mehr wirklich verlässlich sei, dann könne einem wirklich angst und bange werden, führt er im Weiteren aus. „Dann spüre ich, wie gefährlich nah ich in Wahrheit dem Chaos, dem Tohuwabohu bin, das mir wie ein Untier Angst machen kann. Bis zu atemlosen Beklemmungen.“ Jeder kenne diese Angst, wenn einem die Decke auf den Kopf falle, das ganze Gewölbe von Idealen und Orientierungen einbreche, die Erde unter den Füßen nicht mehr zu tragen scheine und man in einem uferlosen tosenden Meer unterzugehen drohe. Wenn man Schuld auf sich geladen, einen lieben Menschen verloren habe oder einem Schicksalsschlag ohnmächtig ausgeliefert sei, dann trage nichts mehr in der Welt: kein gutes Zureden, keine Selbsttäuschung und oft sogar nicht einmal der liebste Mensch, erklärt der neue Domkapitular.

Für viele stürze nicht nur einmal die Welt ein, für manche sogar so oft, dass sie gar nicht mehr leben wollten, schildert er Erfahrungen aus dem seelsorglichen Alltag. „Das ist eine Wahrheit über das Leben. Sie ist für sich genommen entsetzlich. Ihr stellen kann sich, wer den biblischen Glutstrom der Hoffnung auch durch sich selbst hindurch gehen lässt; wer von Gott erwartet, was seit Abraham eine unzählbare Menge von Zeugen ihm zugetraut haben.“ Dem gehe hinter dem Zusammenbruch seiner Welt und ihrer vermeintlich ehernen Gesetze etwas ganz und gar Neues auf: das Bild und Gleichnis eines Gottes mit menschlichen Zügen; eines Gottes, der uns auf Du und Du nah ist, so Bosbach. Nur wer sich der eigenen Angst bewusst sei und sie sich eingestehe, dem könne aufgehen, was wirklich Halt und Boden unter den Füßen gebe: der Menschensohn. „Menschensohn steht ja auch für Menschlichkeit. Wo nichts mehr in meiner Macht steht, bleibt mir, Mensch zu sein, wie Gott es gedacht hat.“

Und dann fügt er hinzu: „Jesus hat Menschen ermutigt, Jesus ermutigt Menschen, neu anzufangen mit Gott und mit sich selbst. Er gibt ihnen die Kraft, die Not des Lebens menschlich zu bestehen und hoffentlich auch die Not des Sterbens noch.“ Gott, dem Vater, zu trauen, wie Jesus es getan habe, und ein wenig auch nur von der Liebe und Güte zu riskieren, für die er stehe – das mache stark gegen das Chaos, das die Angst anrichte in der Seele. Erst wenn alles weg sei, sagt Bosbach, was nur zum Schein Halt gebe, dann trete hervor, was wirklich Halt gebe: Gott selbst, weil er durch und durch erlösende Liebe ist. So könne auch mit der Zeit des Advents nur der etwas anfangen, der etwas von Gott erwarte. Wörtlich schließt Bosbach: „Ein Christ lebt in der Hoffnung. Und er hat Zukunft. Gott selber ist sie.“